Sadist vs. Masochist: In welche Richtung fließt die Intensität?
Was die Begriffe S und M in der einvernehmlichen Praxis wirklich bedeuten, wie verbreitet beide sind, und warum keiner von beiden etwas darüber aussagt, wer das Sagen hat.
Eine Achse, zwei Richtungen
Reduziert man eine Szene auf ihre reine Physik, bleibt eine Variable: die Richtung, in die Intensität fließt. Ein Sadist ist – im konsensuellen Sinn – jemand, für den es die erotische Ladung selbst ist, Intensität zu geben: Schläge, Fixierung, Empfindung, Grenzerfahrung. Ein Masochist ist jemand, für den genau das im Empfangen liegt. Die Begriffe beschreiben nur die Richtung des Stroms – nichts weiter: nicht Grausamkeit, nicht Schaden, nicht Pathologie, und – das Missverständnis, das dieser Artikel ausräumen soll – nicht, wer das Sagen hat.
Konsensueller Sadomasochismus ist außerdem viel gewöhnlicher, als sein Ruf vermuten lässt. Bevölkerungsstudien zeigen, dass masochistische und sadistische Fantasien und Praktiken so verbreitet sind, dass sich die Vorstellung einer seltenen Paraphilie nicht mehr halten lässt – die Provinzstudie von Joyal und Carpentier fand, dass etwa jede fünfte Person von fetischistischen oder sadomasochistischen Fantasien berichtete, und ein beträchtlicher Teil davon hatte diese auch schon ausgelebt.
Die Pathologie-Frage: Was die Daten zeigen
Die alte klinische Annahme – sadomasochistisches Interesse sei ein Zeichen von Störung oder einer Vorgeschichte von Missbrauch – wurde immer wieder überprüft und hat sich nicht bestätigt. Wismeijer und van Assen verglichen 902 Praktizierende mit einer passenden Kontrollgruppe – und die Praktizierenden schnitten bei mehreren psychologischen Merkmalen eher besser ab: weniger neurotisch, gewissenhafter, und bei Dominanten mit einer sichereren Bindung. Richters und Kollegen fanden in einer landesweiten australischen Stichprobe keinen Zusammenhang zwischen BDSM-Praxis und früherer Nötigung oder psychischer Belastung. Moderne Diagnosehandbücher unterscheiden heute ausdrücklich zwischen einvernehmlichem Sadomasochismus und Sadismus als Störung.
Das alles macht keine einzelne Szene automatisch sicher oder klug – es zeigt nur, dass das Interesse an sich völlig unauffällig ist. Sicherheit entsteht durch Verhandlung, Feinabstimmung und Aftercare, genau wie überall sonst auf dieser Seite.
S/M ist nicht D/s
Die vier Grundbegriffe – Dominant, Submissive, Sadist, Masochist – werden so oft auf zwei reduziert ('Dominante sind Sadisten, Submissive sind Masochisten'), dass die vertauschten Konstellationen selbst erfahrene Spieler überraschen. Dabei sind die Achsen, wie sich in der Praxis zeigt, unabhängig voneinander: Die Community ist voll von dominanten Masochisten – sie bestimmen genau, wie mit ihnen gespielt wird (auf der Landkarte dieser Seite die Konfigurationen Dirigent und Amboss) – und devoten Sadisten, die Intensität im Dienst und auf Anweisung liefern (Instrument, Handwerker).
Cross & Mathesons empirische Übersichtsarbeit kam anhand von Umfragedaten zum selben Ergebnis: Power Exchange und Schmerzaustausch sind zwei unterschiedliche Motivationen, die zusammen auftreten können, sich aber nicht aufeinander reduzieren lassen. Genau deshalb misst der KDI sie als getrennte Achsen: Fasst man sie zusammen, verschwindet ein Viertel der Landkarte.
Es gibt auch eine Mitte: Intensität, die je nach Kontext oder Partner in beide Richtungen fließt. Auf der Empfindungs-Achse ist das das Switch-Band (X) — es wird als vollwertiges Ergebnis gewertet, denn „beides, und zwar ernst gemeint“ ist eine echte Antwort.
Quellen
- Joyal, C. C., & Carpentier, J. (2017). The prevalence of paraphilic interests and behaviors in the general population: A provincial survey. Journal of Sex Research, 54(2).
- Wismeijer, A. A. J., & van Assen, M. A. L. M. (2013). Psychological characteristics of BDSM practitioners. Journal of Sexual Medicine, 10(8).
- Richters, J., de Visser, R. O., Rissel, C. E., Grulich, A. E., & Smith, A. M. A. (2008). Demographic and psychosocial features of participants in BDSM. Journal of Sexual Medicine, 5(7).
- Cross, P. A., & Matheson, K. (2006). Understanding sadomasochism: An empirical examination of four perspectives. Journal of Homosexuality, 50(2–3).
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